Wir sind mit gedruckten Papierseiten groß geworden und Printerzeugnisse wie Bücher und Zeitschriften haben unser Denken und unser Gestaltungsgefühl nachhaltig beeinflusst. Sich dieses Papierdenken bewusst zu machen ist der erste Schritt auf dem Weg zum Erstellen von mediengerechten Webseiten.
Wie heißt es bei Alice im Wunderland: "Fange beim Anfang an, und lies bis du an's Ende kommst, dann halte an". Folgen Sie dem weißen Kaninchen. Das hier ist der Anfang.
Surfer, Webdesigner und Auftraggeber — fast alle erleben das Web zunächst mit einer durch zwei Erfahrungen geprägten Erwartungshaltung:
Papierdenken erwartet Kontrolle über das Layout und Unveränderlichkeit nach der Fertigstellung. Aber das Web ist nicht aus Papier und eine Webseite verhält sich anders als eine Papierseite:
Papierdenken führt beim Umgang mit Webseiten unweigerlich zu enttäuschten Erwartungen.
Der Autor einer Webseite hat keine vollständige Kontrolle über das Aussehen der Webseite im Browser des Betrachters, er kann nur Wünsche äußern. Klingt übertrieben?

Ein einfaches Beispiel: Auf Papier bestimmt der Autor die Schriftgröße, im Web nicht. In jedem Webbrowser kann der Benutzer die Schriftgröße ändern, wodurch das Lesen am Monitor wesentlich erleichtert wird. Eine mit Papierdenken gebaute Webseite fällt dadurch leicht auseinander, eine mediengerechte passt sich an.
Der Einfluß des Benutzers geht aber noch viel weiter. Im Internet Explorer gibt es im Menü Extras – Internet-Optionen auf dem Register Allgemein rechts unten die unscheinbare Schaltfläche Eingabehilfen.
Jeder Surfer kann hier auf den Webseiten gemachte Angaben zu Schriften und Farben ignorieren. Probieren Sie es. Betrachten Sie Webseiten einmal komplett ohne die vom Autoren gemachten Farb- und Schriftangaben.
Der Benutzer kann sogar ein eigenes Stylesheet (CSS) einbinden, mit dem dann alle im Browser aufgerufenen Webseiten angezeigt werden. Wie gesagt, der Autor hat keine vollständige Kontrolle über die Webseite.
Es klingt paradox, aber wenn Sie Webseiten gestalten wollen müssen Sie zunächst aufhören, Webseiten gestalten zu wollen. Tao. Lassen Sie los. Sie haben keine Kontrolle über das Aussehen der Seite im Browser des Betrachters.
Die Beschriftung der Schaltfläche Eingabehilfen ist übrigens das Ergebnis einer kreativen Übersetzung. Im englischen Internet Explorer steht auf der Schaltfläche Accessibility, auf deutsch Zugänglichkeit oder Barrierefreiheit.

Eine Webseite wird nicht so ausgeliefert wie der Betrachter sie im Browserfenster sieht. Der Browser erhält vom Webserver lediglich den Quelltext, eine Art Bauplan. Dieser Bauplan wird analysiert und so gut wie möglich dargestellt.
Wenn Sie eine Webseite erstellen, erzeugen Sie Quelltext. Auch wenn Sie das Wort noch nie gehört und ihn noch nie gesehen haben, weil Sie mit einem Homepage-Baukasten oder einem visuellen Editor wie Frontpage, Go Live oder Dreamweaver arbeiten. Beim Hochladen der fertigen Seite auf den Webserver, übertragen Sie nur den Quelltext, und nicht die Seite so wie sie im Baukasten oder im Editor ausgesehen hat. Der Quelltext ist also in gewisser Weise die eigentliche Webseite.
In jedem Browser gibt es im Menü Ansicht einen Befehl namens Quelltext oder Seitenquelltext, um sich diesen Bauplan anzusehen. Was Sie im Browserfenster als Webseite sehen ist nur die Interpretation des gerade benutzten Browsers auf dem gerade benutzten Computer mit den gerade aktuellen Einstellungen.
Webseiten sehen also zwangsläufig überall anders aus, weil der Quelltext je nach Umgebung unterschiedlich interpretiert werden muss.
Die folgende Geschichte erläutert den Unterschied zwischen Printmedien und dem Web sehr schön:
Und das alles mit ein und derselben Zeitung. Jede Webseite ist von Natur aus so flexibel wie diese Zeitung. Sie verliert diese Flexibilität erst, wenn wir sie falsch gestalten — oder wenn sie ausgedruckt wird.
Dieses "Pamphlet wider das Papierdenken" ist der Anfang des Kapitel 1 aus dem Buch
Der zweite Teil - Mediengerechte Webseiten: Jenseits von Papier - ist auch online zu lesen.
Nachtrag vom 14.08.2006: Die Anekdote mit der Zeitung stammt - wie gerhard im Kommentar weiter unten anmerkt - von Michael Nahrath aus dem Jahre 2001. Wow, den Link gibt es noch. Data live forever.
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